Cosplay – wenn aus Fiktion imaginierte Wirklichkeit wird

Liebe Cosplayer, wie seid ihr hierhergekommen? Zwischen all den Bücherständen wirkt ihr wie Außerirdische. Mit euren Eiskronen, Trollohren, Wolkenbikinis. Ihr nehmt eure Rollen aus Mangas, Filmen und Videospielen. Das ist keine Literatur. Nicht einmal Mangas kann man als Bücher bezeichnen. Bücher sind tiefsinnig, kunstvoll, informativ.

Mit diesen Worten wird der BILD-Kolumnisten Franz-Josef Wagner auf dem Blog der diesjährigen Leipziger Buchmesse persifliert. Die Persiflage soll als Anlass genommen werden, zu fragen, was Cosplayer eigentlich sind und was sie auf einer Buchmesse zu suchen haben. Der Videobeitrag von Felicia Schneiderhahn gibt da ein wenig mehr Auskunft, als die Satire:

Cosplayer sind bereits seit mehreren Jahren fester Bestandteil der Leipziger Buchmesse. Die Kostüme reichen von sehr aufwändig gestalteten und mit viel Liebe zum Detail zusammengenähten Exemplaren und aufwändig geschminkten Gesichtern, bis hin zu Kleidungsstücken, bei denen Buchmessie Katrin Moser zurecht die Frage stellt: Ist das Kunst oder kann das weg?

Bleiben wir einmal bei jenen Exemplaren, in denen die Verkleideten augenscheinlich viel Arbeit gesteckt haben, damit die Kostüme am Ende die erzielte Wirkung entfalten können. Ein_e Cosplayer_in ist – wenn er oder sie eine Manga- oder andere Comicfigur zum Vorbild haben – die personifizierte Verschmelzung von Literatur, Kunst und Theater. Sie verkleiden sich nicht nur, die meisten Cosplayer_innen spielen ihre Figuren auch auf vielfältigste Art und Weise in den Hallen der Buchmesse. Mangas und Comics stellen selbst die Verbindung von Kunst und Literatur dar. Eine Cosplayerfigur wirkt erst dann authentisch, wenn die Bewegungen, die sie im Spiel der realen Welt macht, zu denen im Comic passen. Wenn der Mensch, der die Figur spielt, sich in die Rolle hineinversetzt. Je phantastischer der dargestellte Charakter, desto größer der Aufwand und desto mehr ist ein Cosplayer-Fan gezwungen, sich mit seiner oder ihrer Rolle zu beschäftigen. Einfache japanische Schulmädchen sind auf der Buchmesse auch häufig zu sehen, spielen sie doch in den Mangas durchaus häufig eine Rolle. Jene Kostüme sehen einander verblüffend ähnlich. Wer bereits häufiger auf der Leipziger Buchmesse war, nimmt sie irgendwann gar nicht mehr wahr. Inzwischen hat sich die Vielfalt der Figuren deutlich vergrößert. Am Ende des Videobeitrages „Ist das Kunst oder kann das weg?“ sind beispielsweise Rotkäppchen und der böse Wolf zu sehen, in einem weiteren Beitrag tauchen gar Lemminge auf. Ein Gang durch den Manga- und Comicbereich der Messe bedeutet also nicht nur, einen Blick auf die zahlreichen Neuerscheinungen zu wenden, sondern ist zugleich der Gang durch eine bewegte Bildergalerie. Anfangs waren die Cosplayer für mich auf der Messe ebenso eine skurrile Erscheinung und ich fragte mich, was das Verkleiden mit Literatur zu tun habe. Doch Literatur ist nichts, was isoliert im Raum steht. Genau so wenig wie es bei der bildenden Kunst und dem Theater der Fall ist. Häufig ist es inzwischen so, dass mir die auffälligsten Figuren mehr im Gedächtnis geblieben sind, als die Comics, die ich an den Messeständen durchblätterte. Cosplay ist nicht nur einfach ein sich verkleiden. Ich würde es viel eher als eine Sonderform des Theaters oder der Kunst betrachten, vorausgesetzt, es wird mit künstlerischem Ehrgeiz betrieben. Doch trifft das wirklich den Kern, was Cosplay eigentlich ist? Wohl kaum. Vielmehr jongliert Cosplay zwischen den verschiedenen Ebenen der Kunst, überschreitet Grenzen, unterwandert gängige Regeln. Es ist kein richtiges Theater, die aufwendig genähten Kostüme können nicht eindeutig in die Kategorie „Modedesign“ eingeordnet werden, schließlich werden sie nicht aus Modeaspekten heraus entworfen und genäht, sondern lehnt sich in der Regel eng an Comic-Figuren, jenen Hybrid-Charaktären aus bildender Kunst und Literatur an. Und selbst wenn es eine Phantasiefigur ist, beispielsweise das „Eis“, dann sagt auch das Kostüm des „Eises“ sehr viel darüber aus, wie sich die Erschafferin des Eises jenes vorstellen würde, wenn es ein Mensch wäre. Beim Cosplay sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt – wie bei der Literatur, bildenden Kunst, im Theater und im Film.

Die Cosplayer_innen hauchen den Fantasie-Gestalten durch ihre Verkleidung Leben ein. Aus Fiktion wird imaginierte Wirklichkeit. Und zwischen all den Bücherständen wirken sie wie Außerirdische. Mit ihren Eiskronen, Trollohren, Wolkenbikinis. Das ist keine Literatur. Es ist mehr als das.

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1 Antwort auf „Cosplay – wenn aus Fiktion imaginierte Wirklichkeit wird“


  1. 1 Eine Coyplayerin 20. März 2012 um 18:35 Uhr

    Danke für diesen Artikel.

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